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Der Goldfisch


Wie oft sitzt man da und denkt: "Boh, ist das langweilig." Das muss nicht sein. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich originell die Zeit zu vertreiben, natürlich auf Kosten unserer Mitmenschen. Wir können in ein Parkhaus fahren, uns in die einzige Parklücke stellen und die Leute zählen, die uns fragen, ob wir wegfahren. Wir können mit Freunden in ein Beerdigungsinstitut gehen, uns, wenn der Bestattungskaufmann abgelenkt ist, in einen Sarg legen, warten, bis der Laden voller Kundschaft ist, mit Schmackes den Deckel aufstoßen und brüllen: "Bedienung!"
Wir können auf der Kirmes an die Kasse der Achterbahn gehen, wo immer steht: Erwachsene acht Mark, Kinder fünf Mark, und sagen "Geben Sie mir zwei Jungs und ein Mädchen!"
Oder wir fahren in ein Drive-in und bestellen bei dem freundlichen Babyphone: "Einen Cheeseburger und 'ne mittlere Pommes mit Mayo!" Dann fahren wir weiter zu dem kleinen Schalter, und eine Mitarbeiterin sagt: "Cheeseburger, mittlere Pommes mit Mayo?" "Ja!" "Macht 5,20 DM, bitte!" Wir zahlen, nehmen die Tüte, fahren eine astreine Kurve, landen wieder vor dem Babyphone, sagen: "Einen Cheeseburger und 'ne mittlere Pommes mit Mayo!" Wieder an dem kleinen Schalter angekommen, hören wir die Mitarbeiterin sagen: "Cheeseburger, mittlere Pommes mit Mayo!" Und jetzt kommt's: Wir halten ihr unsere Tüte hin und sagen "Bitteschön, macht 5,20 DM, bitte!"
Ein knackiger Zeitvertreib mit hohem Publikumskoeffizienten ist das Besteigen eines Busses mit einer Currywurst. Da wird normalerweise der Busfahrer brüllen: "Das ist hier kein Speisewagen!" Worauf wir kontern: "Ich weiß, deswegen habe ich mein Essen ja auch mitgebracht."
Oder wir kaufen eine Flasche billigen Fusel, besteigen eine U-Bahn und arbeiten uns unter ständigen "Die Fahrausweise bitte"-Rufen durch den Waggon. Irgendeinen Dödel erwischen wir dann ohne Ticket, und dem überreichen wir die Pulle mit den Worten: "Herzlichen Glückwunsch, Sie sind der 1000ste Schwarzfahrer diesen Monat, angenehme Weiterfahrt!"
Wenn Sie diese Ausgabe scheuen, sprechen Sie einfach einen beliebigen Passanten an und fragen ihn: "Kennen Sie die Adalbert-Dickhut-Straße?" "Nein", wird er sagen. "Dann passen Sie gut auf. Sie gehen geradeaus bis zur 3. Straße links, dann bis zu dem Platz, und da nehmen Sie den Bus Nr. 15."
Oder wir gehen in eine Tierhandlung, lassen uns das Aquarium mit den Goldfischen zeigen und sondern dann folgenden Monolog ab: "Ist Ihnen eigentlich klar, dass dieses Lebewesen zu den erstaunlichsten und verkanntesten der Natur zählt? Wie ruhig, ja fast majestätisch zieht er seine Bahnen, nascht hier eine Alge, mümmelt da ein Würmlein, um im nächsten Moment einem Wasserfloh das Nachsehen zu geben.
Nachsehen, ein Schlüsselwort.
Was sieht er uns, den Menschen, nicht alles nach. Ob es der fünfjährige Rotzlöffel ist, der vor den Augen unseres geschuppten Freundes ungeniert popelt und die Ausbeute auch noch ins Becken wirft, oder dessen betrunkene Mutter, die nach einem Saufgelage versehentlich den Aschenbecherinhalt ins Aquarium verklappt, er bleibt stumm.
Dem aufmerksamen Betrachter entgeht der Vorwurf nicht, der in seinen großen rehbraunen Augen steht, Augen, die so ganz plötzlich zu wässrigem Grün changieren können oder auch zu flammendem Pink, letzteres allerdings nur bei extremen Temperaturen, wenn das Aupair-Mädchen den neuen Tauchsieder testet. Aber er bleibt stumm.
Was hat er nicht alles mit ansehen müssen?
Er schaute Goethe über die Schulter, als der an Frau von Stein schrieb "Übrigens könntest du mal wieder etwas abspecken, meine Liebe", er zog mit Hannibal über die Alpen und sah wortlos zu, wie sein Badewasser gefror, und war nicht auch er es, auf dessen wulstigen Lippen sich ein Lächeln abzuzeichnen schien, als Napoleons Leibarzt zu jenem sprach: "Klarer Fall, mein Lieber, die Leber, also ab heute keine Kurzen mehr!"
All das hat er gesehen, und nicht umsonst widmete ihm 1953 Heinrich Böll einen Roman mit dem Titel: "Und sagte kein einziges Wort".
Nicht Weihnachten 56, als dem ledigen Lokführer Jim K. der Rasierpinsel ins Wasser fiel, nicht Himmelfahrt 91, als die Katze allein zu Haus war und nicht neulich, als jener Vater ausrief "Mit so einem Zeugnis kommst du nach Hause? Das wollen wir doch mal sehen, der Goldfisch kommt ins Klo."
Dies geschah, während "Free Willy" lief, eine Leihkassette, die er immer besonders gern gesehen hatte.
Stumme Zeugen. Ja, auch das. Denn die kleinen Goldfische bringt schließlich nicht der Storch. Im Gegenteil. Er ist einer der größten Feinde unseres Freundes, dieser klapprige, seit Jahrhunderten von meist kirchlichen Greisen zum Nachwuchslieferanten hochstilisierte Raubvogel.
Nächst diesem fordern die meisten Opfer die chemische Industrie und langanhaltende Trockenheit. Trotzdem wird er, und da bin ich mir ganz sicher, nicht aussterben und weiterhin an Weihnachten auf dem Gabentisch liegen oder auch als Christbaumschmuck ein wenig Glanz in unsere Hütte zaubern. So, Meister, war schön, mit Ihnen zu plaudern, und jetzt packen Sie mir 16 von den Biestern ein, das sollte als Vorspeise reichen, oder?"

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